Banken wieder näher zum Bürger bringen

Published 22.06.2018

ABBL-Präsident Guy Hoffmann will das Image des Finanzsektors verbessern

Das Gespräch führte Pierre Leyers – Luxembuger Wort, 20. Juni 2018

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Die Welt des Geldes ändert sich rasant. Das liegt nicht nur an der Technologie. Sondern auch daran, dass sich das Image der Banken von der Finanzkrise nie erholt hat. Auch in Luxemburg besteht eine gewisse „Entfremdung“ zwischen dem wichtigsten Wirtschaftssektor und der Bevölkerung. Guy Hoffmann, der neue Präsident des Bankenverbands ABBL, will das ändern. „Mir geht es darum, dass wir als Banker der Gesellschaft etwas zurückgeben“, erklärt er im Gespräch.

Herr Hoffmann, wie lautet das wichtigste Projekt, das Sie während Ihres Mandats realisieren möchten?

Wir müssen auf alle Punkte und Stellschrauben achten, die die Beständigkeit unseres Finanzzentrums erhalten und schützen. Luxemburg befindet sich in der „Champions League“ der Finanzzentren in Europa, ja sogar weltweit. Alle Elemente, die zum Erhalt der „Employability“ und der Stärke des Platzes beitragen, sind wichtig. Am allerwichtigsten scheint mir dabei das Image der Banken zu sein. An dem Ansehen, das die Banken in der Welt genießen, kann ich nicht viel ändern, an dem hier in Luxemburg schon.

Hat das Ansehen der Luxemburger Banken gelitten?

Unser Sektor trägt zu einem Drittel des Wohlstands des Landes bei, ist aber in der Bevölkerung nicht besonders beliebt. Vor fünfzig Jahren, immer dann, wenn es um die Arbed ging, verspürten die Luxemburger eine Art Stolz. Sie wussten, dass die Stahlindustrie das Fundament ihrer Wirtschaft bildete. Dieses Gefühl des Stolzes gibt es heute gegenüber den Banken nicht mehr. Es liegt an uns, dafür zu sorgen, dass sich das ändert. Sicherlich hat es unter den Bankern einige schwarze Schafe gegeben. In Luxemburg zwar nicht, aber jetzt erleidet die gesamte Branche weltweit eine Klassenstrafe. Wir als Bankensektor sollten hier in Luxemburg zeigen, wer wir sind, und was wir zum Wohlstand beisteuern. Wir leisten einen wichtigen Beitrag zur Wirtschaft, nicht nur als Steuerzahler, sondern auch durch die Kredite, die wir vergeben. Das wird nicht immer anerkannt, und unser Image hat gelitten.

Was kann die ABBL tun, um das Image der Branche zu verbessern?

Wir müssen in einer Sprache kommunizieren, die verstanden wird. Wenn wir nur mit Fachwörtern um uns werfen und von Private Banking und Investment Banking reden, ist es kein Wunder, wenn die Leute weghören. Wir müssen erklären, was wir tun, welche Funktion das Kreditgeschäft in der Wirtschaft hat. Es ist eine Frage der Ausbildung. Weder in der Grundschule noch im Sekundarunterricht wird den Schülern elementares Finanzwissen beigebracht. Es geht nicht darum, Volkswirte auszubilden, sondern den jungen Leuten das nötige Wissen zu vermitteln, damit sie vernünftige Entscheidungen in Finanzfragen treffen können, und nicht gleich in eine Schuldenfalle tappen.

Volkswirte ausbilden ist sicherlich auch nicht verkehrt. Da kommt die Uni Luxemburg ins Spiel.

Was nicht einfach ist. Unser Verhältnis zur Uni ist optimierbar. Ich kann nicht akzeptieren, dass es in Luxemburg seit fünfzehn Jahren eine Universität gibt, aber zwischen dem Finanzplatz und der Universität keine Zusammenarbeit stattfindet. Angesichts der Summen, die der Staat in die Universität pumpt, und dem, was wir ebenfalls über unsere Stiftung leisten, kann ich nur den Kopf schütteln. Alle Versuche meiner Vorgänger, Brücken zu bauen, sind fehlgeschlagen. Es gibt nicht einmal einen Funken an Zusammenarbeit! Wir bringen es nicht fertig, das Reservoir an klugen Köpfen, das die Uni sein müsste, zu nutzen.

Haben Sie das schon dem neuen Rektor, Stéphane Pallage, gesagt?

Ich werde ihn demnächst treffen. Wir sind beide neu im Amt, da sollten keine Türen zugeschlagen werden.

Sie wollen also nicht nur den Finanzplatz international stärken, sondern auch im eigenen Land wieder tiefere Wurzeln schlagen?

Wir wollen unser Angebot nicht nur auf junge Leute konzentrieren, sondern für die gesamte Bevölkerung offen sein. Durch ein gezieltes Kursangebot für alle Altersgruppen kann die ABBL dazu beitragen, die Hemmschwelle vor der Digitalisierung abzubauen. Online-Banking ist ein Phänomen, das bleibt. Wir können helfen, es zu demystifizieren. Grundsätzlich geht es mir darum, dass wir als Banker der Gesellschaft etwas zurückgeben.

Die sozialen Akzente, die Sie als ABBL-Präsident setzen wollen, passen zur Raiffeisen-Bank, die Sie leiten. Der genossenschaftliche Gedanke steht ja für Glaubwürdigkeit, Bodenständigkeit, und lokale Präsenz.

Die internationale Aufstellung des Finanzplatzes ist wichtig. Ich rate aber dazu, besonders auf das Umfeld zu achten, in dem wir agieren, von dem wir ein Teil sind. Das ist ein Kreis, es hängt alles miteinander zusammen. Wir sagen dem Finanzminister: Der Steuersatz ist zu hoch. Das können wir, weil wir das ganze Umfeld in Betracht ziehen, und so an entscheidenden Stellen Verbesserungsbedarf sehen.

Es gab doch eine Steuerreform?

Das stimmt, aber nur was die Körperschaftssteuer betrifft. Hinzu kommt noch die kommunale Gewerbesteuer, die Solidaritätssteuer, etc. Es stimmt, dass die Körperschaftssteuer auf 18 Prozent gesenkt wurde. Das ist derzeit, wo es darum geht, im Rahmen des Brexit Finanzinstitute zu überzeugen, Luxemburg als Standort zu wählen, ein gewichtiges Argument. Es ist aber nur die halbe Wahrheit, denn am Ende, wenn alle Steuersätze zusammengezählt sind, beläuft sich die Unternehmensbesteuerung auf über 26 Prozent. Damit liegen wir über dem EU-Durchschnitt. Es wäre besser, einen Einheitssatz festzulegen, der für alle Beteiligten attraktiv ist, und ausländische Investoren nicht mit dem Details zu behelligen, wie Luxemburg im Nachhinein die Verteilung der Steuern regelt. Der EU-Durchschnitt liegt bei 21 Prozent. Das wäre eine gute Ausgangsbasis bei den Verhandlungen über einen attraktiven Steuersatz für die luxemburgischen Unternehmen.

Diese Botschaft ist nicht leicht zu vermitteln. Der Banken melden satte Gewinnen, und wollen trotzdem weniger Steuern zahlen?

Der Bankensektor hat 2017 in einem schwierigen Umfeld einen Nettogewinn von 3,8 Milliarden Euro erwirtschaftet. Da ist es tatsächlich schwierig, zu erklären, warum wir eine Senkung der Besteuerung fordern. Diese 3,8 Milliarden Euro Nettogewinn stehen allerdings im Verhältnis zum Risiko, das die Banken dafür eingehen. Die Gesamtbilanz aller Banken in Luxemburg liegt bei 750 Milliarden Euro. Soviel beträgt das Risiko, das unsere Banken weltweit eingehen, um zu dem Gewinn von 3,8 Milliarden Euro zu gelangen. Das entspricht einer Gewinnmarge von 0,5 Prozent! Kein Unternehmer würde heutzutage für so eine geringe Gewinnmarge ein Geschäft tätigen. Das ist so, als würde ihr Nachbar Sie bitten, ihm 100.000 Euro zu leihen, ihnen aber dafür nur 500 Euro an Gewinn in Aussicht stellen. Würden Sie so ein Risiko eingehen?

Das Risiko, das die Banken eingehen, ist doch recht gering. Die meisten Kredite sind doch abgesichert?

Gering? Nun ja, ich teile diese Einschätzung nicht ganz. Zu den 750 Milliarden Euro, die die Gesamtbilanz ausmachen, gehören zwar 28 Milliarden Euro an Immobilienkrediten am Luxemburger Markt, die relativ sicher sind. Was aber ist mit dem Rest, beispielsweise Interbank-Geschäfte, oder Investitionen in Anleihen? Was ist mit den Banken, die italienische Staatspapiere gekauft haben? Die machen sich derzeit Sorgen.

Warum will der Bankensektor weniger Steuern zahlen? Sie haben doch gerade erklärt, dass der Sektor einen Beitrag leisten will. Liegt es an der Attraktivität für ausländische Investoren?

Der Steuersatz ist sicherlich nicht die einzige Komponente der Attraktivität. Wenn allerdings der EU-Durchschnitt derart deutlich unter dem in Luxemburg angewandten Satz liegt, ist das ein Argument, das in die Waagschale fällt. Ich sage ja nicht, dass wir unter den EU-Durchschnitt gehen sollten. Ich sage auch nicht, dass der Steuersatz alles ist. Trotzdem stellt er ein wichtiges Element dar, wenn es darum geht, den günstigsten Standort zu finden. Gerade jetzt, wo zahlreiche Institute im Rahmen des Brexits überlegen, ihre Aktivitäten von London auf den Kontinent zu verlegen, fällt der Steuerfaktor in die Waagschale.

Welche Standortvorteile gibt es noch, außer niedrigen Steuern?

Was hat der Finanzplatz London durch den Brexit verloren? Die Vorhersehbarkeit. Die können Investoren bei uns finden. Politische Verlässlichkeit, die ist derzeit in Großbritannien nicht in Sicht. Bei der Standortwahl zählt das Umfeld, das die einzelnen Finanzplätze bieten können. Luxemburg hat eine Stärke in der Vermögensverwaltung. Ein weiterer Vorteil ergibt sich durch den Umstand, dass Luxemburg eine eigene Aufsichtsbehörde für den Versicherungssektor hat. Andere Finanzplätze bieten andere Vorteile. Frankfurt ist stark im Investmentbanking, Paris im internationalen Zahlungsverkehr. Jeder wird wohl ein Stück vom Kuchen abbekommen. Der „Kuchen“ wird aber viel kleiner sein, als dies anfangs erhofft wurde. Der Statec meldet, dass schon 33 Gesellschaften Luxemburg als neue Brücke zum EU-Markt gewählt haben. Dadurch entstehen 250 neue Arbeitsplätze. Weniger, als einige erhofften, aber dennoch sehr positiv.

Gibt es eigentlich genügend Nachwuchsbanker? Durch den Brexit steigt doch die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt?

Was ich vorhin über das Ansehen sagte, das gelitten hat, zeigt sich auch in anderer Hinsicht: Heute ist der Bankensektor nicht mehr die erste Adresse bei jungen Leuten, die nach dem Studium eine Anstellung suchen. Das liegt sicherlich an dem Image, das nicht mehr das ist, was es einmal war, aber auch an den Einstiegsgehältern, die beim Staat höher sind.

Bei einer Bank zu arbeiten, ist doch ein angesehener Job?

Auf dem Arbeitsmarkt gibt es ein grundsätzliches Problem, mit dem sowohl die Banken als auch andere Unternehmen konfrontiert sind. Hier in Luxemburg wird von allen Seiten der Unternehmergeist beschworen. Jungen Leuten soll die Unternehmensgründung schmackhaft gemacht werden. Gleichzeitig aber verdienen diejenigen, die kein Risiko eingehen, wenn sie beim Staat anheuern. gleich 20 bis 30 Prozent mehr, als dies im Privatsektor der Fall ist. Mir geht es nicht darum, jemandem etwas wegzunehmen. Die Weichen sollten aber jetzt gestellt werden, damit auch der Privatsektor wieder Talente anziehen kann.

Finden die Banken unter diesen Umständen überhaupt noch die Talente, die sie brauchen?

Wir sind an dem entscheidenden Punkt angelangt, wo die Balance kippt. Wir finden nicht genug Arbeitskräfte in Luxemburg, müssen uns immer weiter in die Großregion begeben, um zu rekrutieren. Mittlerweile ist die Verkehrssituation aber so zeitraubend und nervenaufreibend geworden, dass immer mehr Grenzgänger zögern, zu uns zu kommen. Auch ausländische Experten, die hier leben könnten, überlegen sich diesen Schritt zweimal, weil unsere Besteuerung für Privatpersonen höher ist, als dies in anderen Finanzzentren der Fall ist. Innerhalb von Finanzgruppen ist das ein echtes Problem. Sie müssen die Unterschiede beim vergleichsweise niedrigeren Nettogehalt, das ihre Mitarbeiter hier beziehen, ausgleichen. Ein Beispiel: In Zürich verdient der selbe Experte vom Nettogehalt her gesehen mehr als in Luxemburg. Der Finanzplatz ist mit Abstand der wichtigste Wirtschaftszweig unseres Landes. Wir sollten unbedingt auf die „Employability“ achten.

Der neue Kollektivvertrag bietet doch jetzt die Möglichkeit, die guten Mitarbeiter besser zu bezahlen. Dadurch müsste doch die Attraktivität des Sektors steigen?

Der neue Kollektivvertrag ist ein gelungener Wurf. Es hat lange gebraucht, doch jetzt kann man sagen: Ende gut, alles gut. Es gibt ein paar Ankerpunkte, die mir gut gefallen. Da wäre zum einen die größere Flexibilität. Das Gehalt kann jetzt an die Leistung gekoppelt werden. Die linearen Automatismen, an die wir lange Jahre gebunden waren, konnten zum Teil abgeschafft werden. Allein dadurch werden wir als Sektor für hoch motivierte Arbeitnehmer attraktiver. Zum anderen wird mehr Gewicht auf die Weiterbildung gelegt. Wir können nicht glaubwürdig predigen, wie wichtig die Digitalisierung sei, ohne viel Wert auf Aus- und Weiterbildung zu legen. Derzeit zählt der Bankensektor etwa 26.000 Beschäftigte. Wir wünschen nicht, dass es künftig weniger sein werden. Dafür aber müssen wir schon heute die Weichen der Weiterbildung so stellen, dass die Beschäftigungsfähigkeit gesichert bleibt. Bei dem neuen Kollektivvertrag geht es nicht darum, weniger an Gehältern auszugeben. Es geht darum, anders auszugeben. Wir müssen raus aus den Automatismen. Der Kollektivvertrag ist dazu ein wichtiger Schritt.

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