Für einen wettbewerbsfähigen Finanzplatz

ABBL Published 08.10.2018

Guy Hoffmann, Präsident der Luxemburger Bankenvereinigung ABBL, über seine Wünsche an die nächste Regierung.

In einer Woche wird gewählt. Was wünscht sich die luxemburgische Finanzindustrie von der Politik? Ein Gespräch mit Guy Hoffmann, Präsident der Association des banques et banquiers Luxembourg (ABBL).

LW: Guy Hoffmann, nehmen wir an, Sie könnten der aktuellen Regierung ein Zeugnis ausstellen für das Fach Banken- und Finanzplatz. Welche Note würden Sie geben?

Es ist nicht die Aufgabe eines wirtschaftlichen Interessenverbands, der Regierung ein Zeugnis auszustellen. Mir kommt es darauf an, dass die Regierung ein Partner ist, der versteht, was die einzelnen Wirtschaftszweige brauchen. Das gilt für die Bankenbranche, aber auch für alle anderen Bereiche. Ich wünsche mir von der nächsten Regierung, dass sie sich der wirtschaftlichen Bedeutung der Bankenbranche bewusst ist – Wir tragen bis zu 30 Prozent zum Reichtum des Landes bei! Zu der jetzigen Regierung kann ich nur sagen, dass wir zwar nicht vernachlässigt, aber auch nicht auf ein Podest gehoben wurden.

LW: Das wird also höchstens eine Zwei?

Für eine Eins sollten wir uns ein Beispiel an der Schweiz nehmen. Dort ist die Wertschätzung, die die Finanzbranche genießt, viel höher als in Luxemburg. Die Schweizer wissen, wer ihnen hilft, die Staatskasse zu füllen. In Luxemburg wird das oft vergessen. Sollte es daran liegen, dass bei uns viele der 26 000 Beschäftigten, die der Bankensektor zählt, nicht im Land wohnen und damit nicht zur Wählerschaft gehören?

LW: Bald wird gewählt. Nennen Sie einen Wunsch, den Sie der neuen Regierung mit auf den Weg geben wollen.

Ein Wunsch? Mir fallen mehrere ein! An oberste Stelle gehört die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes. Ich wünsche mir mehr Mitarbeiter im Finanzministerium – da spreche ich vielen Mitgliedern der ABBL aus der Seele. Das Finanzministerium beschäftigt gute Leute. Es sind aber nicht genug. Wir sind dabei, die Schlagkraft, die wir immer hatten, zu verlieren. Wir brauchen mehr Reaktivität, mehr Schnelligkeit bei der Umsetzung von Direktiven, mehr Verständnis für die Komplexität der regulatorischen Welt. Früher waren wir in dieser Hinsicht an der Spitze, heute riskieren wir, zum Schlusslicht des Pelotons zu werden. Ein Finanzplatz, der in der Champions League der europäischen und internationalen Finanzindustrie mitspielt, braucht die volle Aufmerksamkeit der Politik.

“Ich wünsche mir einen Finanzminister, der Zeit hat, sich um die Belange des Finanzplatzes zu kümmern, was dem bisherigen bei der Vermarktung von Luxemburg im Rahmen der ihm zur Verfügung stehenden Zeit bestens gelungen ist.”

Dem Finanzminister müsste aber in Zukunft ein Staatssekretär zur Seite stehen, der sich um nationale Finanzen kümmert. Auch ist Luxemburg derzeit in europäischen und internationalen Gremien, die Wichtigkeit für unseren Finanzplatz haben, unterrepräsentiert. Wir müssen dort besser vertreten sein, wo Regulierung, die uns betrifft, auf den Weg gebracht wird.

LW: Der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften bereitet den Banken Sorgen. Was kann die nächste Regierung tun, um dieses Problem zu entschärfen?

Um wirtschaftlich erfolgreich zu sein, muss Luxemburg Talente anziehen. Wir brauchen keine Atomphysiker, wir brauchen gut ausgebildete Mitarbeiter. Die zu finden, wird zunehmend zum Problem. Die Großregion ist ausgesaugt. Die Uni bildet nicht genügend und nicht zielführend in diesen für uns so wichtigen Bereichen aus. Der Mangel an gut ausgebildeten Arbeitskräften ist die Sorge Nummer eins der ausländischen Banken hier am Platz. Die Regierung kann zur Lösung dieses Problems beitragen, indem sie aufhört, den Privatsektor mittels unlauteren Wettbewerbs zu benachteiligen. Ich verstehe, dass der Staat gute Leute braucht. Die könnte er sich aussuchen und entsprechend gut bezahlen. Mir leuchtet aber nicht ein, warum alle Beschäftigten im öffentlichen Dienst Gehälter beziehen, die bis zu einem Drittel über denen der Privatwirtschaft liegen. Die Situation ist ungesund. Der Staat nimmt dem Privatsektor Ressourcen weg, die aber irgendjemand heute und später finanzieren muss.

An oberste Stelle seiner Wunschliste an die neue Regierung kommt für Guy Hoffmann die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes. An oberste Stelle seiner Wunschliste an die neue Regierung kommt für Guy Hoffmann die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes.

LW: Mit Ihren Aussagen treiben Sie die Staatsbeamtengewerkschaft auf die Barrikaden. Sie wissen doch, dass Wahlen anstehen.

Das ändert nichts an der Tatsache. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird in unserem Land der Unternehmergeist beschworen. Den jungen Leuten wird geraten, beruflich ein Risiko einzugehen. Gleichzeitig bietet sich ihnen die Möglichkeit, ohne das geringste Risiko beim Staat 30 Prozent mehr an Anfangsgehalt zu verdienen. Wir lügen uns doch in die eigene Tasche. So kann eine Wirtschaft auf längere Sicht nicht funktionieren. ”

Ich kenne kein Land auf der Welt, wo der Unterschied zwischen den Gehältern in der Privatwirtschaft und denen im öffentlichen Dienst so groß ist wie in Luxemburg. ”

LW: Sie wagen sich an eine heilige Kuh.

Wir wollen hier in Luxemburg einen europäischen Hub schaffen, im Rahmen des Brexit den Londoner Firmen empfehlen, mehr Aktivitäten nach Luxemburg zu verlagern. Wir kommen dabei nicht mit der nötigen Schnelligkeit voran, weil wir nicht genügend Leute finden. Die jungen Talente dürfen nicht nur aus finanziellen Gründen den Staat als erste Option sehen!

LW: Was wäre Ihr nächster Wunsch?

Luxemburg bietet weder in der Grundschule noch im Sekundarunterricht das Basiswissen, um die wirtschaftlichen Zusammenhänge zu verstehen. Was ist Geld? Wie vermeide ich es, in eine Schuldenfalle zu geraten? Was sind feste, was sind variable Zinssätze? Diese Grundkenntnisse sind bei uns mangelhaft. Die „Woch vun de Suen“ der ABBL will auf diese Situation aufmerksam machen. Solche Aktionen müssten ausgeweitet und institutionalisiert werden. Im Sekundarunterricht könnte durch mehr Finanzausbildung auch die berufliche Orientierung der Schüler verbessert werden und dazu beitragen, die Schwierigkeiten der Finanzindustrie bei der Talentsuche zu reduzieren.

LW: CSV und DP wollen die Unternehmensbesteuerung von derzeit 26 auf 20 Prozent senken. Genügt das in Ihren Augen, damit der Standort attraktiv bleibt?

Die Richtung stimmt. Unser Steuersystem müsste grundlegend überholt und vereinfacht werden. Es gibt bei uns x verschiedene Steuern, alles Altlasten vergangener Jahrzehnte. Die Vermögenssteuer z. B. ist ein Relikt, das abgeschafft gehört. Damit wird eine Firma, die investiert, am Ende auch noch bestraft. Ausländischen Investoren ist unser kompliziertes Steuersystem schwer zu vermitteln. Mir fällt auf, dass der Finanzplatz nur in den Wahlprogrammen der beiden Parteien, die Sie erwähnen, einen gebührenden Stellenwert hat. Bei allen anderen Parteien ist er quasi inexistent. Ich kann mich darüber nur wundern.

LW: Wie sehen sie die Zukunft des Finanzplatzes?

“Der Finanzplatz ist solide aufgestellt und hat gute Fundamente, auf denen wir mit innovativen Lösungen aufbauen können. Bemerkenswerte Entwicklungen gibt es im Fintechbereich oder in dem so wichtigen Bereich des nachhaltigen Finanzwesens, wo Luxemburg sich international einen Namen gemacht hat.”

Wenn alle bereit sind, sich den zahlreichen Herausforderungen von heute und morgen zu stellen und konstruktiv zusammenzuarbeiten, sehe ich gute Chancen für eine gute und nachhaltige Entwicklung unseres Finanzplatzes und des Landes. Die ABBL möchte als gesellschaftlicher Akteur zu dieser Veränderung beitragen und ihre Verantwortung übernehmen. Das geht aber nur im Gleichklang mit den politisch Verantwortlichen.

Das Gespräch führte Pierre Leyers, Luxemburger Wort, 8.Oktober 2018
©Foto: Matic Zorman

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